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MIZZI MEHRING - 
Schnauze mit Herz

Ein Einblick in das Leben vor 100 Jahren, mitten in Berlin.

 

Berlin, 1926

 

Der Erste Weltkrieg ist vorbei (1918). Aus unserer kaiserlichen Hauptstadt ist die Reichshauptstadt Berlin geworden, und für die Geschichtsbücher heißt unser Land jetzt Weimarer Republik. Hat mit Weimar aber gar nichts zu tun – dort haben sie nur die Verträge unterzeichnet. Vielleicht sollte das Wort „Republik“ etwas Modernes, Erfolgsversprechendes haben, wenn wir schon den Krieg verlieren mussten.
Im Munde der Leute, auf der Straße, in den Betrieben und in der Kneipe, bleibt es beim Deutschen Reich. Wir ändern uns ja nicht so schnell. Nach 30 Jahren plötzlich kein Kaiser mehr – daran musste dich erst mal gewöhnen.

 

Und dann hat Friedrich Ebert die Zügel übernommen, als erster Reichspräsident.

Der Mann war gar nicht so schlecht. Stand mit beiden Beinen auf dem Boden, nüchtern, sachlich, und darunter ein Herz. Wollte der Vater aller Deutschen sein, nicht nur für eine Seite. Sein Traum war, dass sich alle vertragen.
Naja – lange hat er es nicht gemacht. Der ganze Druck von links und rechts, die Inflation, die Unruhe im Volk, Putschversuche – das ist ihm wohl auf den Blinddarm geschlagen. Sagt man. Und dann hat es ihn während der Arbeit einfach umgehauen (1925).

Seitdem haben wir den Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als Reichspräsidenten. Aus dem Ruhestand geholt! Der wird bald 80 Jahre alt. Ob er das wirklich wollte, oder sich überreden ließ. Wer weiß! Ich habe einmal fast neben ihm gestanden - meine Güte, ein 2 m Mann. Wieder so ein General an der Spitze. Für manche genau das Richtige, für andere eher ein Bild von gestern. Wenn du den Hindenburg neben die neue Mode stellst, dann weißt du auch nicht so recht, ob das zusammenpasst. Eine Freundin meinte neulich: „dit is’n alter Zopp.“

Seit der Republik hat sich hier vieles verschoben. Früher war klar, wer oben sitzt und wer unten schuftet. Heute darf jeder wählen gehen, sogar wir Frauen. Das ist kein kleines Ding. Aber nur weil einer wählen darf, weiß er noch lange nicht, wem er trauen kann. Beim Kaiser war vieles gesetzt – man hat gemeckert, aber der hatte den Hut auf.

Der Ebert – kein Mann für große Worte, kein Salonlöwe. Aber einer, der versucht hat, den Laden zusammenzuhalten. Und das war nötig. Nach dem Krieg war nichts mehr, wie es war.

Erst die Unruhe, dann die Inflation – Geld in der Hand und trotzdem nichts wert. Morgens verdient, abends schon wieder weg.
Für die Arbeiter ein Auf und Ab. Die Angestellten wollten Sicherheit, die gab es kaum. Und wir, die ein Geschäft führen, mussten jeden Tag neu rechnen, neu verhandeln, improvisieren. Ware kam nicht, Preise sprangen, Personal fiel aus – und trotzdem sollte alles laufen. Kein Wunder, dass das da oben keiner lange ausgehalten hat.

Die Großen – Industrie, Banken – die haben sich schneller gefangen. Rücklagen, Verbindungen, Spielraum. Aber der kleine Mann, der Mittelstand, der hat getragen.

Es gab Jahre, da war Geld nichts weiter als Papier – und zwar schlechtes. Aber für den Toilettengang hats gut gereicht.
Nach dem Krieg konntest du noch rechnen. Ein Kilo Rind, ein Bier, Butter – hatte seinen Preis. Dann fing es an zu kippen. Erst leise, dann im Galopp. Morgens eingekauft, abends war das Geld schon wieder um tausendfaches weniger wert.
Die Leute kamen mit Bündeln von Scheinen, und trotzdem hat es nicht gereicht. Da lernst du: Geld kann verschwinden, ohne dass es einer klaut.

Und dann, zack – neue Währung. Erst Rentenmark, dann Reichsmark. Auf einmal wieder Zahlen, auf die man sich verlassen konnte.

Heute kann ich wieder rechnen. Der Laden läuft. Weiße Decken, gutes Fleisch, ein Champagner, der seinen Namen verdient. Die Tische sind voll, auch mit Gästen von auswärts, Wien, Paris, Amsterdam - sogar Inder und Perser. Die zahlen, ohne groß zu fragen. Und freuen sich über ein gutes Schnitzel, nen feinen Aal mit schöner Dillsoße oder zartes Eisbein mit Sauerkraut. 

Aber geh mal über den Markt. Da wird jede Münze gedreht. Kartoffeln, ein Stück Brot, vielleicht etwas Butter – mehr ist oft nicht drin. Und wenn’s eng wird, dann eben ein Bier.
Man merkt schon: Es ist wieder Geld in der Stadt – kommt wohl auf Pump von den Amerikanern. Aber es liegt nicht auf der Straße. Es sitzt an manchen Tischen – und an anderen fehlt es. 

Wir Berliner brauchen ein dickes Fell. Alles ist schnell geworden, laut, wie eine Zaubernummer. 
Am Ende des Tages wollen wir alle nur mal Last ablegen. Ein bisschen Musik, gute Stimmung, lachen, tanzen, bisschen Show, bisschen Glamour aus der Welt, ein gutes Essen, kaltes Getränk. Nicht aus Leichtsinn – sondern weil wir wissen, wie schnell sich alles wieder drehen kann. 

Ich sag dir, wie es ist: Es läuft bei mir besser als früher. Aber verlassen würd ich mich nicht drauf.

Kommste mal Zum Blauen Hahn – ick freu mich.

Mizzi Mehring

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